Musikbegleitung zu Stummfilmen, die Dj’s abmixen, hatte nun in Heidelberg Premiere, doch diese Begegnung hat eine Vorgeschichte in Köln. Dort gibt es seit 2007 das Projekt “Stummfilm:dj“. Allerdings scheint man in Köln vielmehr an der Wiederentdeckung des Unterhaltungswertes dieser alten Filme interessiert zu sein, während man in Heidelberg die filmhistorische Auseinandersetzung sucht. Die Interpretationen von “Stummfilm:dj” scheinen bemerkenswert vielfältig zu sein. Während die Interpretation von Murnaus “Der letzte Mann” durch DJ SAD.SAD.CALZONE eine Komplexität zeigt, die Neugierde provoziert, klingen andere Arbeiten eher nach einem konventionellen Partymix. Die Idee, dass analoge Technik mit digitaler konfrontiert wird, ist eine spannende Herausforderung. Das hat weniger mit sehnsuchtsvolle Nostalgie zu tun, sondern vielmehr mit der Entdeckung einer intensiven Bildersprache, die man heute leider nur selten einem Publikum vorstellen mag. Gerade aber die Begegnung zwischen Dj-Set und Zelluloid eröffnet hier neue Freiräume – vorausgesetzt, man reduziert den Film nicht auf die Funktion eines Bildteppichs für stupide Partymusik.

In dem Büro der Kineskop traf sich am Mittwoch der Kreis von Musikern, die den Soundtrack für den Neckarwestern, einem weiteren Stummfilmprojekt, vorbereiten. Dabei waren auch Wolfgang Kirchheim und Margret Rehme, die beim Stummfilm-Symposium den Film “The Ten Commandments” vertont haben. Bei dem Arbeitsgespräch ging vieles noch um den Eindruck des Symposiums, die Stilmittel dieses Films und die besonderen Effekte. Hier nun aus der aktuellen Online-Spiegel Redaktion WISSENSCHAFT ein Link zu dem Artikel über die Suche nach den Überresten von “The Ten Commandments”.

Cineastische Impulse

April 28, 2010

Das Symposium 2 hat einige bemerkenswerte Impulse geben können, die nun sehr wahrscheinlich nicht nur im Seminar Illusionen und politische Visionen des Orients: die Wahrnehmung Palästinas in Europa vor 1936 weiter vertieft werden.

Vor allem die Auseinandersetzung mit den innovativen Formen der musikalischen Begleitung dieser Bildquellen ist eine spannende Herausforderung, denn sie provozierte die Frage der Hermeneutik im Umgang mit den Filmen. Kommentiert die Musik die Bilder oder paraphrasiert sie mit eigenen Mitteln die Strukturen des Filmes? Legt die Musik auf diese Weise Momente des Filmes frei, die weit mehr vermitteln als emotionale Verstärkungen? Eine Diskussion, die auch zeigte, dass moderne Musikformen durchaus eine aktuelle Annäherung an Stummfilme erleichtern, sie sogar zu einem Erlebnis machen können.

Doch vom historischen Standpunkt aus ist ein solcher Umgang nicht unkompliziert. Auch wenn die Originalmusik für “Frühling in Palästina” leider nicht zur Verfügung stand, wäre letztlich gerade diese Version aufschlußreich für die damalige Rezeption gewesen, so der Einwand einer Historikerin. Tatsächlich konnte Prof. Dr. Klein auf Materialien zu Max Lampel, dem Komponisten der Filmmusik von 1928, hinweisen, die im Jewish National and University Library Jerusalem einsehbar sind. Ob allerdings in diesen Archivbeständen auch die Partitur zum Film zu finden ist, ist gegenwärtig noch unklar. Hier wäre noch eine Menge weitere Arbeit zu leisten, um die Zusammenhänge und Hintergründe dieser aufwendigen Produktion aus jenen Jahren nachzuvollziehen.

Bleibt auch zu hoffen, dass mehr über den Regisseur Joseph Gal-Ezer über das Central Zionist Archives in Jerusalem zu erfahren sein wird.

Judith of Bethulia

April 23, 2010

Der Vortrag von Dr. Regina Heilmann am Samstag, den 24.04.2010 hat den Titel:

Jedermanns Judith: Der Spielfilm JUDITH OF BETHULIA (1914) als Beispiel für die
Verschmelzung von Orientalismus, Assyriologie und biblischem Glauben in den USA
des frühen 20. Jahrhunderts

Joseph Gal-Ezer bleibt im Moment noch der Unbekannte unter den Regisseuren dieses Symposiums. Der gebürtige Österreicher, geboren 1890 in Wien, hieß Joseph Gläser und gab sich dann später in Palästina den hebräischen Namen Joseph Gal-Ezer. Der auf dem Symposium präsentierte Dokumentarfilm „Frühling in Palästina“ von 1928 warb für die jüdische Besiedlung in Eretz Israel und war an das deutschsprachige Publikum adressiert. Bemerkenswert ist, dass dieser Film verhältnismäßig aufwendig war und von den Gründungs-und Stiftungsfonds Keren Kayemeth Le-Israel und Keren Hayesod unterstützt wurde. Der Film erzählt mit emphatischen Bildern von den Dimensionen des Aufbaus und der Entwicklung jüdischer Siedlungsprojekte in Palästina der 20er Jahren. Was heute eher befremdet und an sozialistische Propaganda erinnert, war in jenen Jahren geradezu modern und entsprach den populären ästhetischen Vorstellungen politisierter Massen. Der Kameramann dieses Filmes war Yaacov Ben Dov. 1930 drehte Joseph Gal-Ezer den Film „Kfar Yeladim“, der allerdings nicht an die Bildsprache des „Frühling in Palästina“ heranzureichen scheint. Später arbeitete er auch als Fotograf, der zusammen mit Zoltan Kluger und Philip Halsman 1937 auf der Pariser Weltausstellung im „Palestine Pavillon“ Fotos von Eretz Israel präsentierte. Er starb 1945 in Palästina.

Cecil B. DeMille wurde 1881 in Ashfield, Massachusetts, geboren. Er war der zweite Sohn von Henry Churchill DeMille und Matilda Beatriz Samuel DeMille. Sein Vater war Autor verschiedener Bühnenstücke und nach seinem Tod gründete dessen Witwe die DeMille Play Company als Agentur für Theaterstücke und Dramatiker.
C. B. DeMille besuchte eine Schauspielschule und hatte 1900 sein Bühnendebüt. 1902 heiratete er die Schauspielerin Constance Adams. Mit seinem ersten Film „The Squaw Man“ 1914 hatte DeMille einen bemerkenswerten Publikumserfolg. Schnell entwickelte er sich mit den folgenden Filmen zu einem renommierten Erfolgsregisseur. Allerdings war der erste Versuch, einen großen Kulissenfilm zu inszenieren, nur von mäßigem finanziellem Erfolg begleitet. So entwickelte DeMille ein Muster, in dem er aktuelle soziale Geschichten mit historischen Fabeln zusammenband. Seine Methode unterschied sich dabei von Episodenfilmen wie beispielsweise „Intoleranz“ von D.W. Griffith.
1923 erhielt DeMille die Mittel, den Film „The Ten Commandments“ zu verwirklichen. Die Belastungen durch das für damalige Verhältnisse enorme Budget führten zu massiven Konflikten zwischen ihm und der Produktionsfirma Famous Players-Lasky, den späteren Paramount Pictures. Obwohl dieser Film sich zu einem Kassenerfolg entwickelte, trennte sich DeMille von seiner Produktionsfirma und gründete wenig später sein eigenes Studio, die Cecil B. DeMille Pictures, Inc. Obwohl seine weiteren Filme durchaus erfolgreich waren, konnte er den eigenen Studiobetrieb nicht aufrechterhalten und wurde dann von MGM unter Vertrag genommen. 1929 wurde er – nach Jahren des Erfolges – durch die Turbulenzen der Weltwirtschaftskrise an den Rand des Ruins gebracht. 1931 drehte er „Madam Satan“. Der Film war insofern entscheidend, weil DeMille sich mit diesem Kassenerfolg in der Filmbranche wieder zurückmelden und erneut behaupten konnte. Das war insofern schon eine Herausforderung, da Hollywood sich durch den Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm sowie durch die Erschütterungen der Wirtschaftskrise ökonomisch neu organisieren musste. Dank der Unterstützung durch das Studio Paramount konnte er den Film „The Sign of the Cross“ realisieren, der wieder ein Kassenhit wurde. Mit diesem Film blieb er endgültig bei Paramount Pictures. 1952 erhielt er für „The Greatest Show on Earth“ den Oscar. 1956 drehte er das Remake von „The Ten Commandments“, wobei er an den „Originalschauplätzen“ in Ägypten inszenieren konnte. Bei den Dreharbeiten erlitt er einen Herzinfakt, von dem er sich zwar erholen konnte, der jedoch Spuren zurückließ. 1959 starb DeMille im Alter von 78 Jahren.

Gunnar Sommerfeldt wurde 1890 in Kopenhagen geboren und war später bekannt als Schauspieler am Königlichen Theater in Kopenhagen. Mit 24 Jahren begann er dann seine Filmkarriere. 1914 wurde er erstmals als Filmschauspieler für den Film „De kære Nevøer“ engagiert und 1917 hatte er sein Debüt als Regisseur für die Nordisk Films Kompagni. Dem damaligen Publikum wurde er in den folgenden Jahren durch zahlreiche Auftritte in den dänischen Stummfilmen bekannt. Die Nordisk Films Kompagni war in den Jahren des ersten Weltkrieges die führende Filmgesellschaft in Europa. Eine Situation, die sich erst Mitte der 20er Jahre änderte. Gunnar Sommerfeldt inszenierte 1921 den Film “Markens grøde” (“Segen der Erde”), die Verfilmung des Romans, für den Knut Hamsun 1920 den Nobelpreis für Literatur bekam. Der Roman hat eine umstrittene Wirkungsgeschichte, da ihn die NS-Literatur vereinnahmte und Knut Hamsun während der Besetzung Norwegens eine unrühmliche Rolle übernahm. Sommerfeldt drehte wenige Jahre später dann verschiedene Dokumentarfilme, so z.B. auch einen Film über den Vulkanausbruch des Etna. Über sein weiteres Leben ist uns leider wenig bekannt. Die letzten Jahren dürften wenig glücklich für ihn gewesen sein, denn laut dem Dänischen Filminstitut wurde er zu einer Haftstrafe wegen Betrugs verurteilt. Sommerfeldt verstarb 1947 in Stavanger.

1917: „Ein Glückspilz“ („En lykkeper“, „Lykkens Pamfilius“); 1919: „Lykkens Galoscher
Galoschen des Glücks“;1920: „Die Geschichte der Borg-Sippe“ („Borgslæftens historie“); 1921: „Segen der Erde („Markens grøde“, NFL 1996); ca. 1925: „Arabien“, „Das Heilige Land“ („Det hellige land“); ca. 1928: „Der Ätna bricht aus“ („Etna i udbrud“)

Ungewöhnlich sind nicht nur die Filme bei diesem Symposium, sondern auch das musikalische Programm. Neben der “klassischen” Klavierbegleitung durch Miriam Weiss wird auch ein Film von dem DJ y+00nz begleitet. Dieses Zusammenspiel dürfte in Heidelberg und in der Rhein-Neckar-Region ein Novum sein.

Hier Notizen zu Miriam Weiss und Tobias Breier

Miriam Weiss
Miriam Weiss erhielt zunächst eine klassische Klavierausbildung und war während ihres Musikwissenschafts- und Germanistikstudiums in Heidelberg verstärkt in Jazzensembles aktiv. Im Jahr 2008 schloss sie ihr Promotionsprojekt über die jazzinspirierten Kompositionen Erwin Schulhoffs an der Universität Heidelberg ab, für das sie vom Tschechischen Kultusministerium ein Stipendium zu einem halbjährigen Forschungsaufenthalt in Prag erhielt. Von 2003 bis 2009 studierte sie Jazz-Klavier an der Musikhochschule Stuttgart bei Paul Schwarz.
Als vielseitige Pianistin spielt Miriam in unterschiedlichen Projekten (u. a. horo) und hat zahlreiche Engagements als Solo-Künstlerin (u. a. LINKS – Heidelberger Biennale für Neue Musik, Alte Patrone Mainz, MS Europa). Mit ihrem Weltmusik-Ensemble horo, für das sie auch arrangiert und komponiert, konzertiert sie in ganz Deutschland (u. a. Bayerisches Jazzweekend Regensburg, Jazztage Görlitz, Jazzopen Stuttgart). In den Jahren 2007 und 2009 unternahm sie mit horo Tourneen nach Israel, Palästina und Jordanien, die vom Goethe-Institut und vom Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg gefördert wurden. Am Theaterhaus Stuttgart war sie 2008 als Keyboarderin in der Rockoper Der fliegende Holländer engagiert. Im Jazzhaus Freiburg spielte Miriam im Herbst 2009 beim 2. Jazzpiano-Wettbewerb „In Memoriam Waldi Heidepriem“.
In ihrem Stil mischen sich Einflüsse des Modern Jazz und der Kunstmusik des 20. Jahrhunderts mit Elementen osteuropäischer und arabischer Folklore. Ihre besondere Vorliebe gilt der improvisatorischen Auseinandersetzung mit Werken des klassischen Repertoires.

Tobias Breier
y+00nz alias Tobias Breier, 1983 in Karlsruhe geboren, erhielt zunächst eine klassische Klavierausbildung. Die frühe Beschäftigung mit Synthesizern und Computersequenzern verführte ihn jedoch bald zu einer Verlagerung der künstlerischen Aktivität in Richtung Programmierung und Manipulation von Musik, u.a. mit dem experimentellen Messvertonungsprojekt Logos. Seit 2004 studiert er Musikwissenschaft und Philosophie an der Universität Heidelberg und setzt sich unter anderem mit dem Einfluss der Digital- und Webkultur auf die Musikwelt auseinander. 2008 begann er unter dem Eindruck der Akzeptanz von hörbar fehlerhaften Musikkopien in Südamerika mit dem
Aufbau des Archivs BitCH (Bit Crap Haven), eine Art Datenschrottplatz für Aufnahmen, die, durch rücksichtslose Audiokompression oder Streaming entstellt, im Web herumgeistern. Ausgesuchte Exemplare dieses HiFi-Alptraums und aktuelle elektronische Musik speist Tobias Breier seit Ende 2009 in sein Computersystem y+00nz ein, um als Digitaljockey Tanzflächen und Ateliers mit Fluch und Segen der neuen globalen Klangwelt zu konfrontieren. Dabei treffen eisklare rhythmische Strukturen und hochauflösende Synthesizer auf pixelig schnurrendes Skyperauschen und Instrumentalsamples, die von der charakteristischen Youtubeverzerrung schwer gezeichnet sind. In
Heidelberg war y+00nz unter anderem schon bei Veranstaltungen in der Halle 02 und in der Villa Nachttanz im Einsatz. Aktuell entsteht in Zusammenarbeit mit der Videokünstlerin Chiara Strickland das erste Album “against all apps”, das voraussichtlich Ende Juli im Internet
veröffentlicht wird. Spätestens dann soll es neben den DJ-Sets auch Konzerte geben.

Dieser Streifen von Gunnar Sommerfeldt  aus dem Jahr 1924 dürfte wohl eine der großen Überraschungen bei diesem Symposium sein. Aufmerksam wurde wir auf den Film in der Cinematografie des Holocaust des Fritz-Bauer Instituts. Dieser Dokumentarfilm, der unseres Wissens nach 1933 nicht mehr in Deutschland gezeigt wurde, präsentiert historische Aufnahmen von Palästina, wie sie nur selten zu sehen sind. Sehr deutlich kann man hier nachvollziehen, wie in Europa die Region wahrgenommen wurde: eine Landschaft des Religiösen. Die Bilder zeigen kaum bewohnte Weiten oder Zentren, in denen sich Menschenmassen zu spirituellen Festen versammeln und feiern. Bemerkenswert, wie die britische Mandatsherrschaft hier im Hintergrund bleibt, wie wenig ihre Präsenz in den Bildern dokumentiert wird.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.