1922 – „Wie um alles in der Welt konnte dieser Film am Zensor vorbei?“

Januar 12, 2012

von Christoph Makowski

Während einer Promotionreise durch Deutschland, um seinen Debütfilm Det hemmelighedsfulde X (1914) auch in die deutschen Lichtspielhäuser zu bringen, entdeckte Benjamin Christensen das Buch Malleus Maleficarum (Hexenhammer). Gefesselt von dem Werk über die Hexenverfolgung stand für den aufstrebenden Regisseur fest, dass er dieses dunkle Kapitel in der europäischen Geschichte in einem Film aufarbeiten müsse. Es sollte jedoch kein Spielfilm wie jeder andere werden. Christensen wollte nicht unterhalten, sondern Wissen vermitteln. Deshalb verzichtet Christensen gezielt auf die Elemente, die in den Unterhaltungsfilmen nicht fehlen durften. Häxan sollte ohne Helden, Sentimentalität, ohne Drama und Spannung auskommen. Nichts sollte ablenken von einem wissensvermittelnden Charakter. Nach fünfjähriger Recherche begannen 1919 die Dreharbeiten. Produzent des Filmes wurde der Schwede Charles Magnusson, der den Film für die Svensk Filmindustri produzierte. Ein Dreh in Dänemark kam für Christensen wegen der finanziell angespannten Situation der dänischen Filmwirtschaft nicht in Frage. Die veranschlagten Kosten von 400.000 Kronen konnten nicht gehalten werden. Christensen verlangte von Magnusson, dass er ihm die technisch besten Kameras und Beleuchtungssysteme besorgen sollte. Damit aber nicht genug. Im Zuge des herauf brechenden 1. Weltkrieges verkaufte Christensen sein eigenes Filmstudio, in dem seine ersten beiden Filme gedreht wurden. Als Christensen jedoch kein geeignetes Studio in Schweden fand, ließ er seinen Produzenten sein altes Studio zurück kaufen. Am Ende verschlang die Produktion zu Häxan für die damalige Zeit unglaubliche 2 Mio. Kronen und war damit der teuerste Film, der zu diesem Zeitpunkt je in Skandinavien gedreht wurde.
Ganze drei Jahre wurde an Häxan gedreht. Durchschnittlich wurde für einen Film nicht mehr als acht Wochen aufgewendet, bevor er veröffentlicht wurde. Doch bereits beim ersten Film von Christensen wurde diese Regel gebrochen und mehrere Monate an ihm gearbeitet. Christensen stellte sich bei den Dreharbeiten als akribischer Arbeiter heraus, der eine Szene erst abschloss, wenn sie seinen Vorstellungen genau entsprach. Nach drei Jahren wurden die Dreharbeiten abgeschlossen und am 18. September 1922 wurde Häxan in Schweden uraufgeführt.

Mit Häxan präsentierte Christensen weder eine Spielfilm noch einen Dokumentarfilm, vielmehr eine Zwittergestalt, die in keine übliche Schublade eingeordnet werden konnte. Wird zu Beginn des Filmes in Oberlehrermanier der Grund für den Hexenwahn erklärt, in dem Christensen Bilder von Holzschnitten mit Teufelsdarstellungen und Hexenzirkeln zeigt, kommt es im Folgenden zu Spielszenen, die den Alltag von Hexen und deren Verfolgern zeigen. Der Film gipfelt in der Darstellung eines Hexensabbats auf dem Blockberg, den Christensen mit eindrucksvollen Bildern in Szene setzt. Abschließend zieht Christensen einen Bogen indem er die Hysterieforschung der 20er Jahre mit dem Hexenwahn des Mittelalters vergleicht.

Obwohl die Premiere in Stockholm noch ohne Komplikationen verlief, gab es nach der Dänemark Premiere am 7. November 1922 erheblichen Widerstand. Besonders die renommierte Zeitung B.T. ging gegen Christensens Film vor. Auf zwei Druckseiten forderte sie die sofortige Entfernung des Films von der Leinwand. Weiter hieß es in der Kritik „Über eine halbe Stunde lang werden auf der Leinwand sadistische Orgien aufgeführt!“ Christensen zeigt „nicht Hysterien, sondern spielt mit Perversionen. [...] Es gibt viel Nacktheit in diesem Film, aber dies ist noch nicht das Schlimmste daran, sondern vielmehr die satanische Grausamkeit, welche er verströmt. […] Die dargestellten historischen Grausamkeiten gehören weggeschlossen […] anstelle sie auf der Leinwand einem labilen Publikum zu präsentieren, oder jungen Männern und Frauen, die noch kein vollständiges Bild von dieser Welt haben. “Abschließend fragt die Zeitung: „Wie um alles in der Welt konnte dieser Film am Zensor vorbei?“ Auch im europäischen Ausland gab es Proteste gegen Häxan. In Frankreich ging die katholische Kirche gegen die Aufführung vor, in dem sie Anzeige gegen Kinobesitzer erstattete, die den Film zeigten. In Deutschland wurde der Film gleich nach seiner Uraufführung 1924 verboten und konnte erst nach einer erheblichen Kürzung um 15 Prozent wieder in den Lichtspielhäusern gesehen werden.

Trotz oder gerade vielleicht wegen der erheblichen Proteste war Häxan Christensens kommerzieller Durchbruch. Neben dem finanziellen Aspekt ist der Film künstlerisch von besonderem Wert. Die Folterszenen beim Hexenprozess und besonders der Hexensabbat spiegeln Christensens Gespür für Inszenierung wieder und schockierten und beeindruckten das Publikum in erheblichem Maße. Und auch heute noch erzeugt dieser Film eine ganz eigentümliche Stimmung, die zwischen Verwunderung und Grauen angesiedelt ist. Verwunderung über die Qualität der Szenen und Grauen wegen der Intensität, mit der Christensen es versteht die Angst und den Schrecken des mittelalterlichen Hexenwahns zu vermitteln. Und so scheint es auch nicht verwunderlich, dass der Film in den USA der 20er nicht gezeigt wurde, mit der Aussage, Christensen solle mit seinem Film in 25 Jahren wiederkommen, wenn das amerikanische Publikum bereit dafür wäre (aus: Ernst, John: Benjamin Christensen. Kopenhagen, 1967. Seite 20).Christensen war seiner Zeit in Darstellung und Intensität weit voraus.

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