Die Überraschung des Stummfilm-Symposiums war die Forderung einer Teilnehmerin, dass ein filmwissenschaftliches Institut in Heidelberg gegründet werden sollte. Ein solches Institut sei für Heidelberg längst überfällig. Im Kreis der Organisatoren des Symposiums wurde schon im Vorfeld darüber diskutiert, wobei hier die Standpunkte durchaus kontrovers waren und man eher von einem Institut sprach, dessen Schwerpunkt die Filmhistorie wäre. Die zentrale Frage aber bei diesem Anliegen ist, ob man vor Ort überhaupt ausreichend Kapazitäten hat, eine solche Aufgabe entsprechend des eigenen Anspruchs zu realisieren? Zweifellos ist das Fehlen eines medienwissenschaftlichen Lehrstuhls an der Universität ein eklatanter Mangel, doch andererseits sollte man nicht erwarten, dass ein solcher Lehrstuhl im Rahmen eines Bachelor-& Master-Studiums eine ernsthafte Bereicherung wäre. Zu sehr wären in diesem System die Inhalte auf den Studienplan und bloßen Scheinerwerb ausgerichtet. Die Gründung eines externen Instituts wäre da eher eine Bereicherung, vor allem wenn es nicht nur eine Nische im Lehrsystem besetzen würde, sondern gleichzeitig auch freie Lehrformen und -inhalte entwickeln könnte. Das Institut könnte, wenn es erfolgreich arbeitete, in loser Form an universitäre Strukturen angegliedert werden, doch das wäre der dritte vor dem ersten Schritt. Auf jeden Fall sollte schon frühzeitig die Zusammenarbeit mit verschiedenen Lehrstühlen gesucht werden, insbesondere mit dem Musikwissenschaftlichen Seminar, dem Südasien-Institut, dem Institut für Europäische Kunstgeschichte, dem Romanischen Seminar, der Hochschule für Jüdische Studien und dem Anglistischen Seminar der Universität Heidelberg sowie dem außeruniversitären Kunst Heidelberg. Exemplarisch wird die Kineskop Filmschule vor dem Hintergrund dieses Symposiums nun zwei Projekte durchführen, die veranschaulichen, wie die ersten Arbeiten eines solchen Instituts aussehen könnten.

Gestern Abend kam das Team des Stummfilmsymposiums erstmals wieder nach diesem eindrucksvollen Wochenende zusammen. Es wurden nicht nur die ersten Eindrücke und Gedanken vom Stummfilm-Symposium 2 erörtert, sondern auch die Optionen einer weiteren Veranstaltung diskutiert. Trotz der organisatorischen Herausforderungen, die durch das Studium für einige aus dem Team durchaus zu einer Belastung werden könnten, gab es in dem Team den Konsens, dass das Stummfilm-Symposium 3 angestrebt wird. Das Thema wird dieses Mal stärker von den Studierenden bestimmt und so wurden schon an diesem Abend die neuen Themen gesammelt, die allesamt sehr reizvoll,vielversprechend und komplex sind. Welchen Schwerpunkt man präferiert, wird in den kommenden zwei Wochen entschieden. In der Zwischenzeit werden die Vorschläge mit ersten Recherchen unterfüttert und inhaltlich skizziert. Klar ist, dass man das bisherige Niveau halten und die inhaltliche Auseinandersetzung sogar noch intensivieren möchte, d.h. zum Beispiel direkt in den Archiven der Länder recherchieren, die im Zusammenhang mit dem Thema relevant sind. Studierende, die Interesse an einer Mitarbeit haben, können unter info@kineskop.de Kontakt mit dem Team aufnehmen.

Die Gruppe “Babel” (Margret Rehme & Wolfgang Kirchheim) hat nun ihren Sountrack für “Frühling in Palästina” nochmals überarbeitet und im Internet publiziert, d.h. konkret: der Soundtrack wurde an die Laufgeschwindigkeit der Version, die vom The Spielberg Jewish Film Archive auf Youtube vorgestellt wird, angepasst. Hier kann man nun auf www.lastfm.de den Titel “Springtime in Palestine” als mp3-file downloaden und dann parallel zum Film “Frühling in Palästina” auf youtube anhören. So ist es möglich, ein wenig die Auseinandersetzungen beim Stummfilm-Symposium nachzuvollziehen.

Cineastische Impulse

April 28, 2010

Das Symposium 2 hat einige bemerkenswerte Impulse geben können, die nun sehr wahrscheinlich nicht nur im Seminar Illusionen und politische Visionen des Orients: die Wahrnehmung Palästinas in Europa vor 1936 weiter vertieft werden.

Vor allem die Auseinandersetzung mit den innovativen Formen der musikalischen Begleitung dieser Bildquellen ist eine spannende Herausforderung, denn sie provozierte die Frage der Hermeneutik im Umgang mit den Filmen. Kommentiert die Musik die Bilder oder paraphrasiert sie mit eigenen Mitteln die Strukturen des Filmes? Legt die Musik auf diese Weise Momente des Filmes frei, die weit mehr vermitteln als emotionale Verstärkungen? Eine Diskussion, die auch zeigte, dass moderne Musikformen durchaus eine aktuelle Annäherung an Stummfilme erleichtern, sie sogar zu einem Erlebnis machen können.

Doch vom historischen Standpunkt aus ist ein solcher Umgang nicht unkompliziert. Auch wenn die Originalmusik für “Frühling in Palästina” leider nicht zur Verfügung stand, wäre letztlich gerade diese Version aufschlußreich für die damalige Rezeption gewesen, so der Einwand einer Historikerin. Tatsächlich konnte Prof. Dr. Klein auf Materialien zu Max Lampel, dem Komponisten der Filmmusik von 1928, hinweisen, die im Jewish National and University Library Jerusalem einsehbar sind. Ob allerdings in diesen Archivbeständen auch die Partitur zum Film zu finden ist, ist gegenwärtig noch unklar. Hier wäre noch eine Menge weitere Arbeit zu leisten, um die Zusammenhänge und Hintergründe dieser aufwendigen Produktion aus jenen Jahren nachzuvollziehen.

Bleibt auch zu hoffen, dass mehr über den Regisseur Joseph Gal-Ezer über das Central Zionist Archives in Jerusalem zu erfahren sein wird.

Joseph Gal-Ezer bleibt im Moment noch der Unbekannte unter den Regisseuren dieses Symposiums. Der gebürtige Österreicher, geboren 1890 in Wien, hieß Joseph Gläser und gab sich dann später in Palästina den hebräischen Namen Joseph Gal-Ezer. Der auf dem Symposium präsentierte Dokumentarfilm „Frühling in Palästina“ von 1928 warb für die jüdische Besiedlung in Eretz Israel und war an das deutschsprachige Publikum adressiert. Bemerkenswert ist, dass dieser Film verhältnismäßig aufwendig war und von den Gründungs-und Stiftungsfonds Keren Kayemeth Le-Israel und Keren Hayesod unterstützt wurde. Der Film erzählt mit emphatischen Bildern von den Dimensionen des Aufbaus und der Entwicklung jüdischer Siedlungsprojekte in Palästina der 20er Jahren. Was heute eher befremdet und an sozialistische Propaganda erinnert, war in jenen Jahren geradezu modern und entsprach den populären ästhetischen Vorstellungen politisierter Massen. Der Kameramann dieses Filmes war Yaacov Ben Dov. 1930 drehte Joseph Gal-Ezer den Film „Kfar Yeladim“, der allerdings nicht an die Bildsprache des „Frühling in Palästina“ heranzureichen scheint. Später arbeitete er auch als Fotograf, der zusammen mit Zoltan Kluger und Philip Halsman 1937 auf der Pariser Weltausstellung im „Palestine Pavillon“ Fotos von Eretz Israel präsentierte. Er starb 1945 in Palästina.

Dieser Streifen von Gunnar Sommerfeldt  aus dem Jahr 1924 dürfte wohl eine der großen Überraschungen bei diesem Symposium sein. Aufmerksam wurde wir auf den Film in der Cinematografie des Holocaust des Fritz-Bauer Instituts. Dieser Dokumentarfilm, der unseres Wissens nach 1933 nicht mehr in Deutschland gezeigt wurde, präsentiert historische Aufnahmen von Palästina, wie sie nur selten zu sehen sind. Sehr deutlich kann man hier nachvollziehen, wie in Europa die Region wahrgenommen wurde: eine Landschaft des Religiösen. Die Bilder zeigen kaum bewohnte Weiten oder Zentren, in denen sich Menschenmassen zu spirituellen Festen versammeln und feiern. Bemerkenswert, wie die britische Mandatsherrschaft hier im Hintergrund bleibt, wie wenig ihre Präsenz in den Bildern dokumentiert wird.

Dieses Jahr werden Filme auf dem Symposium präsentiert, die zum einen eine Kontinuität zum vorausgegangenen Symposium darstellen und zum anderen Premiereaufführungen in Heidelberg sind. Darüber hinaus aber zeigt das Symposium eine bemerkenswerte Aktualität, was man bei Stummfilmveranstaltungen so nicht erwartet: Palästina – Das Heilige Land im frühen Film ist nicht nur wegen des diesjährigen Schwerpunktthemas des Heidelberger Stückemarktes von Interesse, sondern auch wegen der zunehmenden Relevanz des religiösen Diskurses ein spannendes Thema.

Das Symposium sucht eine Annäherung an diese schwierigen Themen über einen Umweg. Mit den frühen Filmen und der Fotografie sollen Spuren nachvollzogen werden, deren Wirkungen, Motive und Illusionen heute noch nachklingen. Weniger Parteinahme als vielmehr ein Raum für Beobachtungen und Gespräche will das Symposium sein, denn die Bilder erzählen im wesentlichen mehr vom Blick des Okzidents auf das Heilige Land als von Palästina selbst.

Es dürfte interessant werden, ob das Publikum die fragilen Freiräume in dieser Auseinandersetzung wahrnehmen und nutzen wird.

Heute beginnt an der Hochschule für Jüdische Studien das Seminar Illusionen und politische Visionen des Orients: die Wahrnehmung Palästinas in Europa vor 1936 unter der Leitung von Prof. Dr. Birgit Klein und Norbert Ahlers. Das Seminar schließt an das Filmsymposium an, das, vom 24.-25. April 2010 vom Medienforum Heidelberg gemeinsam mit Studierenden der Hochschule für Jüdische Studien und der Universität Heidelberg veranstaltet, sich den Illusionen vom Orient widmet, d.h. dem Gebiet, das je nach Perspektive als Land Israel oder als Palästina bezeichnet wurde. An Textdokumenten und anderen Quellengattungen (Werbebilder für Besiedlung, Reisebilder und Spielfilme) wird zu untersuchen sein, welche Faktoren die Vorstellungen von dieser geographischen, politischen und letztlich auch höchst religiös konnotierten Region prägten und inwiefern die Balfourdeklaration 1917 eine Zäsur in der Wahrnehmung des Landes bildete. Was im Symposium skizzenhaft entwickelt wird, soll in diesem Seminar intensiv geprüft weiter entwickelt werden.

Ort & Termin:
Hochschule für Jüdische Studien, Heidelberg
Dienstag, 16:15-17:45 Uhr

Das Programm

Samstag, den 24.04.2010
21:00 Uhr

Begrüßung

21:30 Uhr
Vortrag: Dr. Regina Heilmann

JUDITH VON BETHULIEN – JUDITH OF BETHULIA
USA 1914, Regie: D.W.Griffith, 61 Min, deutsche Zwischentitel, 16mm
Mehraktiges Bibel-Drama – ein Film mit grossartigen Massenszenen wie der Erstürmung der Mauern von Bethulia, dem Angriff der Streitwagen und dem Brand im Lager der Assyrer.

Musikalische Begleitung: Miriam Weiss

Sonntag, den 25.04.2010

Brunch ab 11:30 Uhr

13:00 Uhr
Film
AVIV B’ERETZ YISRAEL – FRÜHLING IN PALÄSTINA
Deutschland/Palästina 1928; Regie: Joseph Gal-Ezer, 64 Minuten, s/w, deutsche Zwischentitel, 35mm
Eine Dokumentation als früher zionistischer Film aus Palästina. Er zeigt Bilder vom Aufbau einer modernen Infrastruktur und vom Leben in den Städten, schildert Szenen der Festtage und der Arbeit in den Dörfern. In den zwanziger Jahren galten Bilder vom Aufbau der jüdischen Heimstätte als eines der wichtigsten Propagandamittel der zionistischen Bewegung.

Musikalische Begleitung: Glaswald

14:45 Uhr
Vortrag. Dr. Claude W. Sui
ZWISCHEN DOKUMENTATION UND INSZENIERUNG – BILDER VOM HEILIGEN LAND

16:00 Uhr
Film
FILMEN FRA DET HELLIGE LAND – FILMS FROM THE HOLY LAND
Dänemark 1924; Regie: Gunnar Sommerfeldt 70 Minuten

Musikalische Begleitung: y+00nz (DJ-Set)

17:15 Uhr
Vortrag: Prof. Dr. Reinhold Zwick
On Location versus Studio – Inszenierungsstrategien des frühen Jesusfilm am Beispiel von Sidney Olcotts “FROM THE MANGER TO THE CROSS” und Robert Wienes „I.N.R.I“

18:00 Uhr Pause

18: 30 Uhr
Vortrag: Prof. Dr. Reinhard Zwick
THE TEN COMMANDMENTS – DIE ZEHN GEBOTE
USA 1923, Regie: Cecil B. DeMille, 146 Min, englische Zwischentitel, digital
Früher US-Monumentalfilm, als Remake 1956 erneut verfilmt. Geschildert wird der von Moses geleitete Auszug der Juden aus Ägypten. Bei der Anbetung des Goldenen Kalbs erfolgt ein Wechsel in die Gegenwart. Zwei Brüder werden einander gegenübergestellt. Der eine hält sich an die Lehren der Mutter, befolgt die Zehn Gebote und wird ein armer Zimmermann. Der andere wendet sich gegen Gesetz und Gebote.

Musikalische Begleitung: Glaswald

Im Anschluß: erste Ergebnisse des Symposiums
Ende: 21:30

Kartenreservierung wird empfohlen:

Gesamtes Symposium: € 22,- / 18,- ermäßigt
Einzelfilm: € 7,- / 6,- ermäßigt

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